Do 7 Apr 2011
Artikel haben künftig weder Anfang noch Ende
Posted by jbraun under Die Menschen, Die Zeitung
[9] Comments
Sie haben Recht, liebe Bayreuther, liebe Oberfranken! Nein, kein Schmäh, es ist richtig, wenn Sie (hinter vorgehaltener Hand) kritisieren: Was ist das für ein Aufschneider? Ein arroganter Kerl? Dieser Braun? Gerade mal ein paar Wochen in Bayreuth und schon tut er so, als verstünde er die oberfränkische Seele? Aber: Das tut er nicht! Er bewertet nicht, der Braun, er schildert nur, was er in Bayreuth erlebt, empfindet. Er will nicht behaupten, zu wissen, was wirklich ist. Was in diesem Blog steht, mag alles falsch sein. Aber es ist meine Sicht der Dinge. Es ist das, was ich hier erlebt habe.
Am Dienstag und am Mittwoch war ich in Berlin. Chefredakteurstagung! Alles sehr gediegen, sehr edel. Das Hotel, die Referenten, vom Bertelsmann-Vorstandsvorsitzenden Ostrowski bis zum Ex-SZ-Chef Kilz. 50 Chefredakteure aus ganz Deutschland diskutieren über die Zukunftschancen der Branche. Manchmal erinnerte mich das an den Wiener Kongress anno 1814. Der “tanzte” im Luxus und bejammerte zugleich den Niedergang Europas.
Zeitungen haben ein gewaltiges Potenzial – auch heute noch – auch aber ein gewaltiges Problem. Sie erreichen die jungen Leute nicht mehr, die “Digital Natives”, jene mit dem Netz aufgewachsen sind. Oder kennen Sie einen Jugendlichen unter 20, der sich seine Nachrichten noch aus der gedruckten Zeitung holt (Nennen Sie mir bitte den Namen, ich möchte ihn/sie beschenken). Für die jungen Leute sind Facebook, Twitter & Co. – und mit Abstrichen auch nationale Portale wie spiegel.de und bild.de – die einzig relevanten Nachrichtenquellen. Sie sind nicht bereit für Nachrichten zu bezahlen, weil es genügend Sites gibt, die ihnen alles, was sie interessiert, kostenlos bieten.
Alles? Nun, sicher nicht: Aber alles, was sie glauben, wissen zu müssen. Und was sie nicht kennen, tut ihnen nicht weh. Das kostenlose Internet ist eine Chimäre, es kann auf Dauer nicht funktionieren, weil es nicht real ist. Denn auch Google-News präsentiert nur Ergebnisse journalistischer Arbeit, Erkenntnisse, für die jemand – in der Regel ein Zeitungsverleger – richtig Geld hingelegt hat, weil Journalisten bezahlt werden mussten.
Axel-Springer-Vorstandsvorsitzender Döpfner beginnt jeden Tag mit einem Gebet – das hat er jedenfallsin einem Interview so ähnlich gesagt – weil Apple-Chef Steve Jobs das iPad erfunden hat, und der Tablet-PC den Einstieg in das bezahlte Internet bedeutet. Kaum ein User denkt darüber nach, dass er, bevor er Apps lädt, dafür per Kreditkarte bezahlt (und sensible Daten preisgibt).
Bertelsmann-Chef Ostrowski betet nicht, weil er iPad & Co. nicht für die Lösung der Probleme des Journalismus’ hält. Steve Jobs will Geld verdienen, nicht dem Journalismus helfen. Das können wir nur selber tun. Womit? Mit Relevanz! Damit, dass wir Inhalte bieten, die die Leser auch wirklich interessieren. Nicht, jene die Mitglied in dem Verein sind, über dessen Mitgliederversammlung wir berichten, so wie wir es schon immer getan haben. Nein, es geht darum, dass wir Themen setzen, die für den Alltag der Menschen wichtig sind, dass wir Nutzwert bieten, also Inhalte, die den Menschen helfen, und dass wir für Orientierung sorgen und Entscheidungen von Politik und Wirtschaft einordnen, zum Beispiel durch Kommentare und andere Meinungsbeiträge.
Das alles ist schon lange bekannt, aber noch noch lange nicht umgesetzt. Noch immer werden Zeitungen – auch der Nordbayerische Kurier – von den Journalisten so gemacht, wie sie das seit Jahrzehnten gewohnt sind. Aber die Gesellschaft hat sich geändert. Sie will nicht länger den Chronisten (das können Vereine auf ihren eigenen Internetseiten mindestens genau so gut).
Oder, um noch einmal mit Herrn Ostrowski zu reden: Wer in ein Autohaus geht und einen 5er BMW kauft, der bekommt ein völlig anderes Auto als den 5er BMW, den er 30 Jahre zuvor gekauft hatte. Wer eine Zeitung kauft, bekommt aber ähnliche Inhalte wie vor 30 Jahren. Sie sind nur – dank technischer (nicht journalistischer) Innovationen – schöner aufbereitet, durch farbige Fotos, ein frischeres Layout und besseren Druck.
Vier Funktionen haben (Lokal-)Journalisten, glaubt Werbe-Guru Sebastian Turner (ehemals “Scholz & Friends”): Heimat stiften, Orientierung geben, Transparenz schaffen und den Alltag organisieren. Und das noch dazu nicht nur in der gedruckten Zeitung, sondern auch auf den digitalen Kanälen, online und in den sozialen Medien.
Das ist eine Herausforderung für alle Journalisten. Wir haben den Schuss gehört, aber die Warnung noch nicht wirklich verstanden. Miriam Meckel, Professorin in St. Gallen und digitale Vordenkerin, nennt dies ein “Problem der Haltung”. Journalismus ist “permanent beta”, zitiert sie einen amerikanischen Kollegen. Das heißt, der Journalismus der Zukunft ist ein “dynamischer, interaktiver, kollaborativer Prozess”. Anders ausgedrückt: Es gibt keine fertigen Texte mehr, und wir befinden uns im permanenten Dialog mit dem Leser/User. So wie wir es vom Internet schon jetzt kennen: Das Netz hat keinen Anfang und kein Ende.
Das, so dürfen Sie mir glauben, ist eine Revolution für meinen Berufsstand, die der der Gutenbergschen Erfindung des Buchdrucks gleichkommt. Das braucht Zeit. Ich hoffe, die Leser des Nordbayerischen Kuriers werden sie uns geben. Und vielleicht wird dann auch für jene unter den Blog-Lesern, die die gedruckte Ausgabe jetzt nicht kaufen, die Zeitung wieder attraktiv. Vergessen Sie nicht: Sie kostet weniger als der Cappuccino in ihrem Lieblingscafé.
An diesem Anspruch dürfen Sie uns messen! Jetzt noch nicht, aber bald.
Lieber Herr Braun,
ich weiß nicht: Soll das ein Beispiel für eines jener “unfertigen Texte” sein, die Sie meinen? Ich fühle mich jedenfalls nach dessen Lektüre nicht schlauer als zuvor und die Vordenker Ihrer Branche müssen wohl noch etwas üben: Jedenfalls scheint das Problem des digitalen Zeitalters ebenso zutreffend beschrieben wie die Problemlösung noch ganz fern zu sein.
Natürlich müssen Sie die “Inhalte bieten, die die Leser auch wirklich interessieren”. Das ist das einfache Kernproblem auch Ihres Blattes, eine langweilige Zeitung kauft niemand. Welche Inhalte transportieren Sie indessen zukünftig (im hochvolatiblen Markt der “Multioptionisten”!) in welcher “Verpackung” und wie “verlinken” Sie die mit dem/den digitalen/m Medium/n? Und was tun sie eigentlich ganz praktisch schon heute für den Verkauf Ihrer Zeitung respektive für die Vermarktung eines (wie auch immer konzipierten) regionalen Mediums namens NBK? Das i-Phon oder das Tablet mit vielen Apps als universaler Retter? Bestimmt nicht.
Also: Üben, üben und nochmals üben. Herr Braun und Kollegen. Aber das ist ja auch der Vorteil von unfertigen Texten. Sie lassen sich ohne Imageverlust ändern.
Eine kreative journalistische Woche,
Ihr
Volker E. Reich.
Lieber Herr Reich,
ich habe an diesem Text nichts zu ändern. Ich empfinde ihn auch nicht als unfertig. Ich habe zwei Themen verknüpft. Schade, dass Sie nicht verstehen, was ich sagen möchte. Tatsächlich kann ich nicht die Lösung bieten, die Sie offenbar erwarten. Aber das ist genau das Problem dieses Umbruchs.
Lieber Herr Braun,
dann verstehen wir uns hier eben beide nicht, was ja auch kein Beinbruch ist, weil es anderen auch so gehen soll: “Wir haben … die Warnung noch nicht wirklich verstanden”.
Gruß
V. E. R.
Sehr geehrter Herr Braun,
ich finde es richtig und nötig, über den üblichen Tagesablauf und den täglichen Sachzwängen hinaus offen zu sein für neue Betrachtungsweisen.
Das gilt nicht nur für Journalisten, sondern genau so auch für alle Bürger.
Ich weiß nicht, ob es auch mit dem älter werden zusammenhängt, aber mich beschleicht immer mehr das Gefühl, dass vieles gerade aus den Fugen gerät, in der Politik, der Natur, der Wirtschaft, der Kommunikationstechnik etc.
Gerade weil uns niemand sagen kann, ob und wie es nach den alten, vertrauten Denk- und Vorgehensweisen weitergeht, müssen wir auch offen sein für neue Denkmodelle mit all ihren Umbrüchen.
Wenn aber heute wieder in einem KURIER-Artikel über das Logistik-Zentrum in der ehemaligen Makgrafen-Kaserne plötzlich von “Markgrafenallee” zu lesen ist, dann fragt sich der Leser schon: “Welches Blatt habe ich da erworben?”
Weitere Beispiele auf http://forum.nordbayerischer-kurier.de/board.php?boardid=62
Zitat: ” …es geht darum, dass wir Themen setzen, die für den Alltag der Menschen wichtig sind, dass wir Nutzwert bieten, also Inhalte, die den Menschen helfen, und dass wir für Orientierung sorgen und Entscheidungen von Politik und Wirtschaft einordnen, zum Beispiel durch Kommentare und andere Meinungsbeiträge.” und dann “Es gibt keine fertigen Texte mehr, und wir befinden uns im permanenten Dialog mit dem Leser/User”
Vorschlag: Sie vereinfachen dem Leser künftig den Dialog mit den Kommentatoren und Meinungsbeitragsmachern, in dem Sie zum Dialog anregen und veröffentlichen dies dann entsprechend.
PS: Statt der berechtigterweise eingestellten Telefontarif-Vergleiche ein tagesaktueller Vergleich der Treibstoff- und Strompreise im Verbreitungsgebiet. Dies wird die Menschen in ihrem Alltag noch einige Jahre beschäftigen und tut dies schon jetzt.
Seit sehr vielen Jahren lese ich täglich den Kurier. Und dabei werde ich immer und immer wieder an einen früheren Lehrer erinnert, der mal in die Klasse rief “Was seid Ihr denn für Kerle, grammatische Wildsäue seid Ihr!”
Ist das so wichtig, wenn sich in der Hitze des jornalistischen Gefechtes grammatikalische oder orthographische Fehler einschleichen?. Mir ginge es – vor dem Hintergrund der Auflagenentwicklung – eher um die Inhalte und damit um die Leserakzeptanz.
Auch wenn man mit einer Diskussion über die Art und Qualität von Zeitungen, ob on- oder offline, die Büchse der Pandora zu öffnen droht, trotzdem ein paar Anmerkungen. Dazu muss ich etwas ausholen – das darf ich hoffentlich, ich bin ja kein Journalist.
Als gebürtigen Bayreuther war der NK meine erste Zeitung, ja so ganz klar war mir in der Grundschule gar nicht, dass es andere geben soll. Der NK war “die Zeitung”. Mit 8 fing ich an, den NK zu lesen und stand dazu vor meinen Eltern auf. Wer will schon eine zerfledderte Zeitung. Später habe ich ihn als Schüler frühmorgens selbst ausgetragen und habe in dieser Zeit den Spiegel und kurz darauf die SZ entdeckt. Es gibt andere Zeitungen! Die Lektüre des NK wurde kürzer, der Spiegel abonniert, die SZ gelesen. Über Studium und Job bin ich nun bei fünf Zeitungen täglich gelandet die ich vor Dienstbeginn lesen darf/muss, gefolgt von ständigen Tickermeldungen und den Onlinemedien. Ohne allzuviel Muße, doch mit reichlich Kaffee. Irgendiwe habe ich das auch dem NK zu verdanken.
Den NK gibt es immer noch, wie ich bei meinen Bayreuthaufenthalten feststelle. Ob er sich geändert hat? Ob ich mich geändert habe? Das eine wohl weniger als das andere. Doch abgesehen von der durchwachsenen journalistischen Qualität hat der NK seine Nische im Lokalen. Aber: Je lokaler die Nachrichten, desto mehr leidet leider die Qualität und nährt sich dem Standard eines Schüleraufsatzes der 7. Klasse an. Das ist schade und lässt die Glaubwürdigkeit sinken. Erfreulich allerdings, dass im NK (oft die einzige Zeitung seiner Leser) auch Wert auf die Berichterstattung zur (Welt)politik gelegt wird.
Und noch erfreulicher ist, dass das Onlineangebot besser geworden ist. Ich dachte vorher, der NK sei für mich ein Blick in die Vergangenheit, aber jetzt nutze ich ihn online gerne. Er lässt Bayreuth etwas näher erscheinen und erheitert mit witzigen Stilblüten, skurilen Diskussionen (oft seiner Leser…).
Ja, er stiftet tatsächlich etwas Heimat. Und ich freue mich, bei einem Bayreuthbesuch nahtlos in das Gespräch über Todesrinnen, Stelen, diverse Schildbürgerstreiche und die letzten schrägen Artikel im NK einsteigen zu können.