Sie haben Recht, liebe Bayreuther, liebe Oberfranken! Nein, kein Schmäh, es ist richtig, wenn Sie (hinter vorgehaltener Hand) kritisieren: Was ist das für ein Aufschneider? Ein arroganter Kerl? Dieser Braun? Gerade mal ein paar Wochen in Bayreuth und schon tut er so, als verstünde er die oberfränkische Seele? Aber: Das tut er nicht! Er bewertet nicht, der Braun, er schildert nur, was er in Bayreuth erlebt, empfindet. Er will nicht behaupten, zu wissen, was wirklich ist. Was in diesem Blog steht, mag alles falsch sein. Aber es ist meine Sicht der Dinge. Es ist das, was ich hier erlebt habe.

Am Dienstag und am Mittwoch war ich in Berlin. Chefredakteurstagung! Alles sehr gediegen, sehr edel. Das Hotel, die Referenten,  vom Bertelsmann-Vorstandsvorsitzenden Ostrowski bis zum Ex-SZ-Chef Kilz. 50 Chefredakteure aus ganz Deutschland diskutieren über die Zukunftschancen der Branche. Manchmal erinnerte mich das an den Wiener Kongress anno 1814. Der “tanzte” im Luxus und bejammerte zugleich den Niedergang Europas.

Zeitungen haben ein gewaltiges Potenzial – auch heute noch – auch aber ein gewaltiges Problem. Sie erreichen die jungen Leute nicht mehr, die “Digital Natives”, jene mit dem Netz aufgewachsen sind. Oder kennen Sie einen Jugendlichen unter 20, der sich seine Nachrichten noch aus der gedruckten Zeitung holt (Nennen Sie mir bitte den Namen, ich möchte ihn/sie beschenken). Für die jungen Leute sind Facebook, Twitter  & Co. – und mit Abstrichen auch nationale Portale wie spiegel.de und bild.de – die einzig relevanten Nachrichtenquellen. Sie sind nicht bereit für Nachrichten zu bezahlen, weil es genügend Sites gibt, die ihnen alles, was sie interessiert, kostenlos bieten.

Alles? Nun, sicher nicht: Aber alles, was sie glauben, wissen zu müssen. Und was sie nicht kennen, tut ihnen nicht weh. Das kostenlose Internet ist eine Chimäre, es kann auf Dauer nicht funktionieren, weil es nicht real ist. Denn auch Google-News präsentiert nur Ergebnisse journalistischer Arbeit, Erkenntnisse, für die jemand – in der Regel ein Zeitungsverleger – richtig Geld hingelegt hat, weil Journalisten bezahlt werden mussten.

Axel-Springer-Vorstandsvorsitzender Döpfner beginnt jeden Tag mit einem Gebet – das hat er jedenfallsin einem Interview so ähnlich gesagt – weil Apple-Chef Steve Jobs das iPad erfunden hat, und der Tablet-PC den Einstieg in das bezahlte Internet bedeutet. Kaum ein User denkt darüber nach, dass er, bevor er Apps lädt, dafür per Kreditkarte bezahlt (und sensible Daten preisgibt).

Bertelsmann-Chef Ostrowski betet nicht, weil er iPad & Co. nicht für die Lösung der Probleme des Journalismus’ hält. Steve Jobs will Geld verdienen, nicht dem Journalismus helfen. Das können wir nur selber tun. Womit? Mit Relevanz! Damit, dass wir Inhalte bieten, die die Leser auch wirklich interessieren. Nicht, jene die Mitglied in dem Verein sind, über dessen Mitgliederversammlung wir berichten, so wie wir es schon immer getan haben. Nein, es geht darum, dass wir Themen setzen, die für den Alltag der Menschen wichtig sind, dass wir Nutzwert bieten, also Inhalte, die den Menschen helfen, und dass wir für Orientierung sorgen und Entscheidungen von Politik und Wirtschaft einordnen, zum Beispiel durch Kommentare und andere Meinungsbeiträge.

Das alles ist schon lange bekannt, aber noch noch lange nicht umgesetzt. Noch immer werden Zeitungen – auch der Nordbayerische Kurier – von den Journalisten so gemacht, wie sie das seit Jahrzehnten gewohnt sind. Aber die Gesellschaft hat sich geändert. Sie will nicht länger den Chronisten (das können Vereine auf ihren eigenen Internetseiten mindestens genau so gut).

Oder, um noch einmal mit Herrn Ostrowski zu reden: Wer in ein Autohaus geht und einen 5er BMW kauft, der bekommt ein völlig anderes Auto als den 5er BMW, den er 30 Jahre zuvor gekauft hatte. Wer eine Zeitung kauft, bekommt aber ähnliche Inhalte wie vor 30 Jahren. Sie sind nur – dank technischer (nicht journalistischer) Innovationen – schöner aufbereitet, durch farbige Fotos, ein frischeres Layout und besseren Druck.

Vier Funktionen haben (Lokal-)Journalisten, glaubt Werbe-Guru Sebastian Turner (ehemals “Scholz & Friends”): Heimat stiften, Orientierung geben, Transparenz schaffen und den Alltag organisieren. Und das noch dazu nicht nur in der gedruckten Zeitung, sondern auch auf den digitalen Kanälen, online und in den sozialen Medien.

Das ist eine Herausforderung für alle Journalisten. Wir haben den Schuss gehört, aber die Warnung noch nicht wirklich verstanden. Miriam Meckel, Professorin in St. Gallen und digitale Vordenkerin, nennt dies ein “Problem der Haltung”. Journalismus ist “permanent beta”, zitiert sie einen amerikanischen Kollegen. Das heißt, der Journalismus der Zukunft ist ein “dynamischer, interaktiver, kollaborativer Prozess”. Anders ausgedrückt: Es gibt keine fertigen Texte mehr, und wir befinden uns im permanenten Dialog mit dem Leser/User. So wie wir es vom Internet schon jetzt kennen: Das Netz hat keinen Anfang und kein Ende.

Das, so dürfen Sie mir glauben, ist eine Revolution für meinen Berufsstand, die der der Gutenbergschen Erfindung des Buchdrucks gleichkommt. Das braucht Zeit. Ich hoffe, die Leser des Nordbayerischen Kuriers werden sie uns geben. Und vielleicht wird dann auch für jene unter den Blog-Lesern, die die gedruckte Ausgabe jetzt nicht kaufen, die Zeitung wieder attraktiv. Vergessen Sie nicht: Sie kostet weniger als der Cappuccino in ihrem Lieblingscafé.

An diesem Anspruch dürfen Sie uns messen! Jetzt noch nicht, aber bald.