So 15 Apr 2012
Die Nazis dürfen Bayreuth nicht noch einmal bekommen
Posted by jbraun under Die Stadt
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Bayreuth gehört den Nazis. Klingt übertrieben und ist es auch, aber irgendwie doch nicht: Denn das Versagen der Stadt Bayreuth im Umgang mit der Neonazi-Demo am 31. März vor dem Bayreuther Rathaus – ausgerechnet dort! – hat das Selbstbewusstsein der Demokratiefeinde gestärkt. Originalton der Neonazis: “Die linke Gegnerschaft kotzte danach Gift und Galle in den linken Systemmedien, da die Stadt Bayreuth offensichtlich ‘versäumte’ die nationale Kundgebung auch der Gutmenschenmafia gegenüber öffentlich zu machen.” Warum aber sorgen ein paar Dutzend Gestalten in roten Sweatshirts und vermummt mit schwarzen Kapuzen für einen solchen Aufruhr? Sollte man sie als Zeitung nicht einfach totschweigen? Sollten sie die Bürger nicht besser ignorieren – anstatt sie mit Gegendemonstrationen erst wichtig zu machen?
Nein! Diese Strategie, hoffähig geworden vor vielen Jahren, ist längst gescheitert. Die Neonazis, viele Jahre unterschätzt als dumme Glatzen, die aus anderen Bundesländer einreisen, um Krawall zu machen, sind in Oberfranken längst unter uns. Oder anders formuliert, sie kommen aus der Mitte unserer Gesellschaft. Peter K. zum Beispiel, einer der Sprecher der Bayreuther Gruppe, ist gutbürgerlich in der Stadt aufgewachsen, zur Schule gegangen und erst jetzt zur Ausbildung in einen anderen Bezirk gegangen (nun hat er Migrationshintergrund).
“Wenn eine Demokratie keine ‘Rechtsextreme’ aushält, dann taugt diese Demokratie nichts”, schrieb vor ein paar Tagen ein Zeitungsleser aus Himmelkron in einem Leserbrief und mahnt “objektive Berichterstattung” im Kurier an. Ein anderer schrieb, dass just die Berichterstattung der Medien “den Neonazis haufenweise junge Leute zutreibt”. Und ein dritter beschwerte sich, dass wir uns in der Zeitung nicht inhaltlich mit den Neonazis auseinandersetzen. Ist das so?
Ich glaube nicht. Natürlich verträgt unsere Demokratie auch Extremisten (egal ob rechts oder links). Aber die, um die es hier geht, treten inzwischen offen auf gegen unsere Gesellschaft. Sie nutzen mit juristischem Sachverstand (gerade absolviert wieder einer von ihnen die juristische Fakultät an der Bayreuther Uni) die Grundrechte auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit und pervertieren diese, indem sie mal offener und mal weniger offen gegen die Demokratie eintreten.
Sie tarnen dies mit einem vorgeschoben wirkenden Engagement gegen Zeitarbeit und gegen soziale Ausbeutung. Themen, bei denen jeder von uns sagen würde: Recht haben sie – aber dies gilt nur, bis man tiefer einsteigt und auch das menschenverachtende Kleingedruckte liest.
Zitat aus der oben schon angeführten Internet-Meldung: “Ali, Mehmet, Mustafa kamen nach Hof zum Glotzen: In Hof waren weniger die üblichen gutmenschlichen Antifa-Fressen zu sehen, die sich sonst in den Medien gegen alles Nationale prostituieren. Vielmehr fanden sich dort die vermeintlichen ausländischen “Kulturbereicher” und Hartz-IV-Fachkräfte ein, die aber – wohl mangels südländischer Sonne in der kältesten Stadt Deutschlands – schnell wieder den Abmarsch organisierten, als ein kleines Schneenieseln einsetzte.”
Oder aus einer Mitteilung vom 10. April: “Auch der obligatorische Gutmenschenpöbel blieb selbstredend nicht fern. Die Gemeinde hatte sogar ihre für Dienstag geplante Gemeinderatsitzung um eine Woche verschoben, um die Gegendemo zu organisierten. Das Gros der Buntbündniskundgebung bildeten allerdings schaulustige Jugendliche. Einige SPD-Anhänger spannten ihre Kinder auch gleich mit ein, um Masse vorzutäuschen. Als einziges themenbezogenes Kundgebungsmittel musste eine mit Edding beschmierte Schmuddeldecke herhalten. (…) Fraglich ist, ob nun auch bei zukünftigen Kundgebungen des Nationalen Widerstandes in Regnitzlosau die Gemeinderatssitzungen ebenfalls verschoben werden. Dies zeigt nur die totale Handlungsunfähigkeit der dortigen Gutmenschenmafia, die mit großkotzig aufgesetzten Erklärungen gegen “Rechts” als Erfüllungsgehilfe der herrschenden Klasse die nationalen Interessen im Hofer Land kriminalisieren möchte.”
Dazu kommen Beschimpfungen wie “volksfeindlich”, “antideutsche Geister”, “Funktionärsbonzen der Arbeiterverräter” für den Deutschen Gewerkschaftsbund und Verhöhnungen der Polizei: “Das Körperteil, was mittelfränkische Staatsschutzbeamte am häufigsten bei organisierten nationalen Aktivisten sehen, (ist) die kalte Schulter. Und das ist auch gut so. Allerdings scheinen die Beamten, so hört man aus Polizeikreisen, (…) erschlafft, ermüdet und unmotiviert. (…) Wie ärmlich die mittelfränkischen Staatsschützer ausgestattet sind, zeigt alleine schon der Umstand, daß der „neue Besen” aus Erlangen noch mit seinen alten Dienstkarten seine Kaffeefahrten auf Staatskosten antreten musste. (…) Bekannt ist allerdings, daß solche Hausbesuche durch jene Typen, die fortwährend an der Kriminalisierung von nationalen Strukturen arbeiten, bei den organisierten nationalen Aktivistinnen und Aktivisten auf wenig Gegenliebe stoßen. (…) Wir verstehen unsere Briefkästen aber nicht als Abwurfplatz für ausgediente und bekritzelte Staatsschutz-Visitenkarten. Die können sie behalten, fressen oder verbrennen.”
Aber das ist nicht alles: Andersdenkende Bürger in Bayreuth, solche, die versuchen vor den neuen Nazis zu warnen, müssen sich sorgen, um sich und ihre Familien. Die Neonazis lauern ihnen auf, auf dem Weg zur Arbeit oder in der Freizeit. Sie sind einfach nur da, machen sich sichtbar und demonstrieren: “Fürchtet Euch, wir wissen, wer ihr seid, und wir kennen Eure Gewohnheiten.” Das ist nicht illegal, also kann die Polizei nichts unternehmen. Auf ihren Kundgebungen fotografieren die Neonazis die Gegendemonstranten und stellen Bilder ins Internet, als Signal für ihre Leute: “Seht her, das sind sie, die Volksfeinde. Ihr wisst, was ihr zu tun habt.”
Hatten wir alles schon, diese Rhetorik, diese Einschüchterungen kennen ältere Menschen aus dem persönlichen Erleben und alle anderen aus Geschichtsbüchern. Wohin die Radikalisierung führen kann, ist auch hinlänglich bekannt, und dass sie sich mit Demokratie nicht verträgt, ebenso. Auch die (von Lesern und CSU-Abgeordneten) immer wieder gestellte Forderung, sich genauso gegen Linksextremisten zu stellen, wie gegen die Neonazis ist unstrittig, aber irreführend.
Oder wie Kollege Michael Weiser diese Woche in einer lesenswerten Analyse im Kurier schrieb (“Lechts und Rinks, Ausgabe vom 11. April): “Wenn heute Neonazis (…) die Abschaffung der Zeitarbeit fordern und den Kapitalismus geißeln, dann nehmen sie keine neuen Anleihen bei den Linken – sie nehmen eine alte, gefährlich erfolgreiche Linie der Nationalsozialisten wieder auf. Den intelligenteren Anführern von Neonazi-Gruppierungen wird es egal sein, unter welchem Etikett sie im Verfassungsschutzbericht genannt werden. Die Einteilung in ‘rechts’ oder ‘links’ ist, genau genommen, veraltet. (…) Den alten wie den neuen Nazis (…) geht es um die Sprengung der Demokratie, um die Vernichtung einer Staatsform, die sie als ‘System’ denunzieren. Die Bruchlinie verläuft also nicht zwischen ‘links’ oder ‘rechts’, sondern in ‘Demokratie ja’ oder ‘Demokratie nein’.”
Und darum darf es nie wieder passieren, dass Neonazis unbehelligt in Bayreuth demonstrieren können. Vielleicht orientiert sich die Stadt Bayreuth ja ausnahmsweise mal an der Stadt Hof, die die für 1. Mai angekündigte Nazi-Demo verbot, wohlwissend, dass dies rechtlich nicht haltbar sein wird. Aber die Stadt setzt ein Zeichen für Demokratie! Wunsiedel hat dies jahrelang erfolgreich praktiziert.
Bayreuth gehört den Nazis? Bitte nicht noch einmal, nicht mal für fünf Minuten!
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P.S.: Wehret den Anfängen. Darum hat der Nordbayerische Kurier vor drei Wochen auch die Beobachterrolle verlassen und die Aktion “Wir zeigen Gesicht” ins Leben gerufen. Unsere Facebookgruppe hat inzwischen fast 1700 Mitglieder, rund 250 Kurier-Leser haben in der Zeitung Gesicht gezeigt. Am Wochenende sind wir einen Schritt weitergegangen und haben einen Aufkleber dazu über die Zeitung verteilt.

Lieber Herr Braun,
“Bayreuth gehört den Nazis” – das ist ein ziemlich kurzer Beitrag. Und ich hoffe, keine bloße Tatsachenfeststellung oder gar eine Hackerattacke von ganz rechts.
Danke aber, dass sich der NK dem annimmt.
Und vielleicht schreiben Sie ja auch noch ein paar Zeilen mehr zum Thema…
Beste Grüße
Der Fernbayreuther
Lieber Fernbayreuther,
ich verstehe die Kritik nicht ganz. Der Beitrag von Herrn Braun geht doch weit über eine Din A4-Seite….
@Herr Braun: Weiter so! Sie und Ihre Zeitung übernehmen eine Vorreiterrolle. Das finde ich sehr gut und unterstützenswert!
Wenn Sie jetzt noch mit investigativer Recherchearbeit weiter machen würden, könnten sich die meisten anderen Zeitungen eine dicke Scheibe abschneiden!
Liebe Bunte Bayreutherin,
ich stimme Ihnen voll und ganz zu! Meinen nicht ganz ernsten Kommentar habe ich geschrieben, als eben nur diese paar Worte (wohl versehentlich) für kurze Zeit eingestellt waren. Der Text ist danach ja verlängert worden…
Beste Grüße
Der Fernbayreuther
Zitat:
” …die immer wieder gestellte Forderung, sich genauso gegen Linksextremisten zu stellen, wie gegen die Neonazis ist unstrittig, aber irreführend.”
Sie ist nicht nur irreführend, sondern insbesondere verharmlosend.
Das war seit langer Zeit die Taktik der Konservativen, um von ihrer geistigen Nähe zu Teilen des Gedankenguts der Rechtsextremen abzulenken.
Man denke dabei nur an die weitverbreitete Ausländerfeindlichkeit.
Was ich an solchen Aktionen für sehr gefährlich halte, ist, dass sich viele damit ein reines Gewissen machen können. Sie gehören ja nicht zu diesen Extremen, zu diesen Spinnern. Sie sind keine Nazis.
Dass diese aber in Ihrer Erziehung das Gedankengut in die nächste Generation tragen und somit weiterhin am Leben erhalten, geschieht unterschwellig und unbewusst.
Nein, man hat nichts gegen Ausländer. Aber sie sind nunmal für viele Probleme verantwortlich. Man hat auch nichts gegen Schwarze, aber sie sind nunmal unheimlich. Die Stimmungmache gegen Europa, unser Bild von den Polen und Tschechen. Unser Bild von anderen Religionen.
Wenn Bayreuth Gesicht zeigen will, dann doch bitte in Form einer klaren Absichtserklärung, in seinem Umfeld und in seiner Erziehung künftig auf solcherlei Bemerkungen zu verzichten, selbst offener die Welt zu betrachten. Gesicht zeigen bedeutet, sich mit den Kindern eine Moschee anzusehen, sich für die Nachbarn mit türkischen oder russischen Wurzeln zu interessieren. Anstatt im Beisein der Kinder ein “Oweh, Türken” auszupusten.
Dies alles geschieht jedoch Tag für Tag bei Menschen, die sich vom Gedankengut der Nazis weit entfernt sehen. Trotz dieser Aktion, die wäscht nur das Gewissen sauber.
Ob gefährlich oder nicht, sei dahingestellt. Aber ich gebe Ihnen recht, dass solche Aktionen nicht genügen, um intolerantes Gedankengut, das festverankert ist in der Gesellschaft, zu ersetzen und Mitbürgern mit Migrationshintergrund gleiche Chancen auf dem Arbeits- und dem Wohnungsmarkt zu ermöglichen.
Aber mit irgendwas muss man den Anfang machen. Und wenn unsere Aktion “Wir zeigen Gesicht” den Beginn einer umfassenden Veränderung zur offenen Gesellschaft sein kann, umso besser. Was wir daraus entwickeln und wie – darüber sind wir uns noch nicht so klar. Über Ideen, die mehr vermögen, als nur das Gewissen rein zu machen, sind wir dankbar. Über Ideen, die das Denken nachhaltig verändern und Bayreuth und die Region zu einem Musterfall werden lassen. Denn wir sind uns sicher einig, dass unsere Gesellschaft nur dann langfristig funktioniert, wenn all diese Barrieren und Vorbehalte verschwinden.
Vielleicht können Sie uns dabei ja helfen, Herr Palme. Ich denke, unsere Zielrichtung stimmt überein. Und das wäre ja schon ein Anfang.
Ihre Antwort zeigt mir, dass Sie es wirklich ernst meinen und sich viele Gedanken auch über das Nazithema hinaus machen. Dann kann ich ganz bei Ihnen sein.
Volle Zustimmung!
Das rechte Gedankengut der Außländerfeindlichkeit und der Demokratiegegner ist viel mehr verbreitet, als es in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.
Aber woran liegt es, dass es nicht im gebührenden Maße zur Kenntnis genommen und öffentlich diskutiert wird?
Wächst nicht auch daraus eine Denkweise, welche die jungen Menschen empfänglicher machen für die Parolen der Neonazis. Manchmal braucht es doch nur noch einen kleinen Auslöser, um diesen Schritt zu gehen.
Warum wird darüber nicht offen gesprochen?
Sich gegen die “Neonazi-Profis” zu wenden und zu demonstrieren ist für mich zu einfach und zu wenig.
Ich denke, ein wesentlicher Schritt ist, ehrlich zu uns selbst zu sein. In uns allen steckt eine gewisse Angst vor dem Fremden und vor dem Anderssein. Menschen aus anderen Kulturen oder mit anderem Aussehen, Menschen, die nicht „regelkonform“ leben oder schlicht aus einer anderen sozialen Schicht stammen, geht man möglichst aus dem Weg oder man fühlt sich zumindest in ihrer Gegenwart unsicher. Kaum jemand wird sich hier ausnehmen können. Ich mich auch nicht.
Diese Angst und diese Unsicherheit wird entweder dadurch verarbeitet, indem man diese Menschen ins Lächerliche zieht oder in dem man sie angreift und bekämpft.
Solange aber im Beisein von Kindern und Jugendlichen Witze über Homosexuelle erzählt, vom „Neger“ gesprochen oder alle Türken als Kriminelle dargestellt werden, werden diese Menschen auch in der nächsten Generation „anders“ sein. Und damit haben die Extremisten auch in Zukunft ein relativ leichtes Spiel.
Gegen Nazis zu sein, ist leicht. Wollen wir diesen Kreislauf aber dauerhaft stoppen, müssen wir über unseren eigenen Schatten springen, muss sich jeder von uns eingestehen, selbst Teil des Problems zu sein.
Das ist ein sehr guter und nachdenkenswerter Kommentar, Thomas!
Besonders der Satz:
“Gegen Nazis zu sein, ist leicht. Wollen wir diesen Kreislauf aber dauerhaft stoppen, müssen wir über unseren eigenen Schatten springen, muss sich jeder von uns eingestehen, selbst Teil des Problems zu sein.”
Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich nur sagen, dass ich mein ganzes Leben gegen meine innere Fremdenfeindlichkeit (man kann auch sagen: Berührungsängste mit Fremden!)ankämpfe.
Ich hatte vielleicht das Glück, weil ich viele Kontakte im Studium und dann im Beruf mit Ausländern aus allen Gegenden der Welt haben konnte.
Heute find ich es bereichernd, mit anderen Menschen und Kulturen zusammen zu sein.
Ich bin Jahrgang 1944.
Neger ist fuer mich,trotz aller sog.Political Correctness,immer noch ein positiv besetzter
Begriff.
Wenn in Bayreuth,nach dem Krieg,die Panzer in der Erlanger Strasse durchrasselten, winkten und riefen wir Kinder immer dann besonders begeistert, wenn ein Neger im Turmluk zu sehen war.
Die warfen immer,im Gegensatz zu den “Nichtnegern”, Kaugummi, Schokolade und Konserven uns Kindern zu.
Es geht aber nicht darum, wie Du den Begriff empfindest, sondern der Betroffene.