In einer Glosse beschrieb ein Kollege vor einiger Zeit die Bayreuther Mentalität wie folgt: Wenn die Außentemperatur im Frühjahr gerade mal an der 10-Grad-Grenze kratzt, dann schimpfen die Bayreuther, dass es doch wieder viel zu kalt sei. Scheint kurz darauf die Sonne und zeigt das Thermometer 23 Grad oder mehr, dann schimpfen sie wieder: Es sei doch viel zu heiß.  Ich war irritiert, doch inzwischen weiß ich genau, was er meint. Lange Zeit meckerten immer wieder Leser unserer Zeitung, der Kurier sei CSU-nah oder doch in jedem Fall obrigkeitshörig. Nun, da uns das niemand mehr ernsthaft vorwirft, wechselt die Kritik zwischen “Fünfter Kolonne” und “Das war zwar richtig, aber schreiben hätten’s des jetzt auch nicht müssen” – wohlgemerkt von denselben Lesern. Ja, was denn nun?

Eigentlich wäre diese Ambivalenz ja gar nicht so schlimm. Jeder Zeitungsmacher kennt dieses Verhalten. Was nun wirklich irritiert, ist die Militanz vieler Bayreuther, die schon im Oberbürgermeister-Wahlkampf deutlich wurde, jetzt aber so richtig aufbricht. Die Militanz von Teilen der örtlichen CSU. Denn für diese Leute – die wohlgemerkt nur eine kleine, wenn auch lautstarke Minderheit der Partei repräsentieren – zählt nur eins: Michael Hohl hat die Wahl wegen der Zeitung verloren, er selbst (und seine Berater) haben alles richtig gemacht.

Kostprobe gefällig? Vor zwei Wochen erhielt der Geschäftsführer dieses Verlags eine E-Mail mit dem Betreff “Wie lange noch Joachim Braun”: “Bitte befreien Sie Stadt und Land von diesem fürchterlichen Chefredakteur, der am Telefon, in Mails oder Foren seine Leser abkanzelt und für dumm erklärt, keine anderen Meinungen gelten lässt und mit einem bisher nie dagewesenen Zynismus kommentierent statt analysiert (…) Bitte setzen Sie einen Menschen an die Redaktionsspitze, der nicht so selbstherrlich agiert, der nicht gegenüber uns ,provinziellen Ureinwohnern’ vor Spott trieft und der es uns Lesern ermöglicht, sich seine eigene Meinung zu bilden.”

Eine Möglichkeit, sich mit dieser Kritik konstruktiv auseinanderzusetzen,  gibt es nicht, denn der Verfasser der Mail zog es vor, anonym zu bleiben und sich hinter dem Pseudonym “Anne Will” zu verstecken.

Oder nehmen wir eine Abo-Kündigung, die gestern den Verlag erreichte. Ein Herr M. aus Bayreuth schrieb: “Auf Grund von öfters ungenauen Recherchen, teilweise tendenzieller Berichterstattung und im Zusammenhang auch nicht erfolgte Berichte, unzureichenden Schreibstiles (Grammatik, unzusammenhängende Sätze) und Boulevard-Blatt-Überschriften möchte ich mir eine seriösere Tageszeitung zulegen und bestelle hiermit den NK zum Ende dieses Monats ab. Mein Motto auch bei Zeitungen : Lieber bunt statt ,Braun’.“

Lieber bunt statt “Braun” – zum Lachen ist das nicht in einer Zeit, da Neonazis auf dem Vormarsch sind, aufrechte oberfränkische Bürger mit genau diesem Slogan gegen die Ausländerfeinde auf die Straße gehen und ausgerechnet unsere Zeitung mit der Aktion “Wir zeigen Gesicht” versucht, Demokratie zu stärken. Immerhin nannte dieser Mann seinen Namen und seine (geschäftliche) E-Mail-Adresse. Dank Google stellte sich heraus, es handelt sich um den Vorsitzenden eines CSU-Stadtverbands (was die Entgleisung nicht besser macht).

Die Möglichkeit, ihm zu antworten, habe ich daher genutzt: “(…) Bitte erlauben Sie mir noch ein paar offene Worte dazu: Sie erheben heftige Vorwürfe wie ,ungenaue Recherchen’, ,tendenzielle Berichterstattung’ etc., ohne dass Sie dabei – was selbstverständlich Ihr gutes Recht ist – konkret werden bzw. dies belegen. Natürlich ist mir der Kontext klar: Als Vorsitzender eines CSU-Ortsverbands sind Sie es Ihrem gescheiterten OB schuldig, an der Legende mitzuarbeiten (zumal die gesamte Partei daran strickt), die Zeitung habe Herrn Dr. Hohl Übles gewollt und ihn darum weggeschrieben.

Ich kann Ihnen garantieren: Dies ist falsch! Weder haben wir Herrn Dr. Hohl gezwungen, auf die Teilnahme an der Podiumsdiskussion zu verzichten, noch haben wir Herrn Dr. Hohl genötigt, neutrale Institutionen (BMTG) für seine Wahlkampf-Unternehmungen (RCDS) einzusetzen. Und auch die Korruption in Sachen Zentrum ist nicht auf den Mist der Zeitung gewachsen, ebenso wenig wie die Tatsache, dass der OB Themen nichtöffentlich vom Stadtrat behandeln ließ, die von Gesetzes wegen öffentlich wären, oder Auskünfte verweigert, die er laut Pressegesetz geben muss (was ja das VG Bayreuth schon festgestellt hat).

Wir haben lediglich darüber berichtet und diese Vorgänge kommentiert – was genau unserer verfassungsmäßigen Aufgabe entspricht, was Ihnen aber verständlicherweise nicht gefällt, weil Ihre Freunde davon betroffen sind.  Aber ich kann Ihnen aus tiefer Überzeugung sagen: Nicht die Zeitung ist schuld, dass Herr Dr. Hohl die OB-Wahl verloren hat, sondern er und seine Berater haben sich die Wiederwahl ganz alleine verbockt. (…)”

So eine Auseinandersetzung ist ja durchaus angemessen: Sie erfolgt mit offenem Visier – ebenso wie die Debatten auf diesem Blog oder in der Zeitung. Hinterhältig wird es dann, wenn angeblich anständige Bayreuther Persönlichkeiten (Namen bekannt) Verleumdungen in die Welt setzen. Besonders beliebt ist zurzeit die, der Chefredakteur Braun sei in Wirklichkeit ein Angestellter der DDVG (also der SPD) und in Bayreuth eingeschmuggelt worden, um die CSU zu bekämpfen (oder zu vernichten – je nachdem, wer das Gerücht weitergibt). Und außerdem sei der Braun schon zuvor in ähnlicher Mission von der DDVG beim Münchner Merkur eingesetzt gewesen.

Spätestens hier wird das Gerücht zur Lachnummer. Denn wie jeder auch nur ein bisschen Sachkundige weiß, ist der Münchner Merkur nicht nur eine grundsätzlich konservative Zeitung, sondern er hat auch einen Verleger, Dirk Ippen, der niemals dulden würde, dass eine seiner Zeitungen Parteipolitik macht. Genauso wenig, wie dies die Verleger des Kuriers, Wolfgang Ellwanger und Laurent Fischer, akzeptieren würden. Denn sie wissen genau: Der Wert ihrer Zeitung ist Glaubwürdigkeit und Überparteilichkeit, gerade in Zeiten des digitalen Wandels.

Und, nur ganz am Rande: Hätte ich, hätte meine Redaktion auch nur das geringste Interesse daran, die SPD zu fördern, dann hätte ich spätestens am 11. März meinen Hut nehmen müssen: Gerade mal zehn Prozent für die SPD-Kandidatin Müller-Feuerstein wären schlichtweg ein Totalversagen gewesen.

Nein, liebe CSU-Freunde, es ist nun an der Zeit, dass Ihr Euch mit Euch selber, mit Eurem eigenen Versagen befasst, mit dem Filz, der blühen durfte und durch den ein Parteifreund mal eben so einen 850.000-Euro-Architektenauftrag bekam. Nach international anerkannten Kriterien nennt man so etwas Korruption.

Zum allgemeinen Journalisten-Risiko gehört es sicherlich, am Abend der Stichwahl von hysterischen CSU-Frauen (Stadträtinnen und Ehefrauen von Stadträten) in aller Öffentlichkeit beschimpft und für die verlorene Wahl verantwortlich gemacht zu werden. Aber das ist über einen Monat her. Wenn es den führenden Köpfen der Partei immer noch nicht gelingen will, die eigenen Fehler zu erkennen, dann ist die Chance daraus zu lernen, bald dahin. Dann wird die CSU spätestens in zwei Jahren nach der Bayreuther Stadtratswahl zu dem schrumpfen, was sie bis 2006 in 40 Jahren SPD-Herrschaft war: Eine Oppositionsfraktion ohne eigene Gestaltungsmöglichkeiten.

Denn etwas ganz Wichtiges haben die schwarzen Wahlkampf-Analysten offenbar immer noch nicht verstanden. Eine Mehrheit der Bayreuther Wähler wollte zwar den OB Hohl nicht mehr, sie wollte aber sehr wohl eine bürgerliche Stadtführung. Die neue Regentin Brigitte Merk-Erbe ist als Freie Wählerin so wenig links wie es ihr Vorgänger Hohl war. Und so ist der Machtwechsel zwar ein K.o.-Schlag für ein verfilztes System, ein wirklicher Wertewandel in der Stadtpolitik ist er nicht.

Es lohnt sich also nicht, der Zeitung den schwarzen Peter hinzuschieben. Es lohnt sich auch nicht, zu versuchen mit Latrinenparolen und schwachsinnigen Unterstellungen die Rechtschaffenheit dieser Zeitung untergraben zu wollen.

In ihrer an Ankündigungen und Friedensangeboten reichen Antrittsrede (Link) am Donnerstag hat die neue OB Brigitte Merk-Erbe dies auch deutlich gemacht: “Es ist nicht wesentlich, ob sich die Medien über mich oder ich mich über die Medien ärgere. Wesentlich ist allein die Diskussion um die Sache. Und wenn diese Diskussion lebhaft und kontrovers ist, umso besser. Ich jedenfalls bin fest davon überzeugt: Auch den Medien in Bayreuth geht es darum, die Stadt und die Region voranzubringen.”

Und: “Für mich ist kritische Distanz, neben Kompetenz und Wahrhaftigkeit, eine der wesentlichen Grundlagen für die Erfüllung der Aufgaben von Presse.”

An anderer Stelle sagte sie: “Die Menschen in Bayreuth haben einen Anspruch auf öffentliche Diskussion, auf Transparenz, auf die Sicherheit, dass wir mit ihrem Geld sorgsam umgehen.”

Genau diesem Anspruch hat die Bayreuther CSU in den vergangenen Jahren mit ihrer Hinterzimmer-Demokratie nicht genügt. Vielleicht sollte die Partei genau darüber mal nachdenken – die acht Jahre bis zur nächsten OB-Wahl sollten dafür Zeit genug sein.