Es scheint, der Untergang des Abendlandes stehe bevor. Seitenweise wurde in den vergangenen Tagen der im Totenbett dahinsiechenden Frankfurter Rundschau gedacht. Dabei ist die Insolvenz des Blattes folgerichtig, und sie bahnte sich seit Jahren an. Eine Katastrophe ist der Untergang der FR ausschließlich für die betroffenen Journalisten, Verlags- und Druckereimitarbeiter. Das Vorzeigeblatt der 68er hat es aufgrund vieler Managementfehler,  aber auch mangelnder Veränderungsbereitschaft weder geschafft, für seine traditionellen Leser ein “Must Have” zu bleiben noch einen Markt für neue Leser zu schaffen. Und ganz gewiss war nicht das Internet “schuld” an der Pleite der Frankfurter. Deshalb sind Äußerungen wie die des FAZ-Herausgebers Werner D’Inka ein bloßes Ärgernis: “Wer für guten Journalismus nicht gutes Geld ausgeben will, liefert sich dem Kommerz und den Suchmaschinen aus, die gierig sind auf unsere Daten. Und wenn die letzte anständige Zeitung verschwunden ist, bleibt nur noch das Geschwätz.”

“… die letzte anständige Zeitung verschwunden” – was für ein Satz. Die Frankfurter Rundschau ist ja nicht ohne Grund insolvent: Allein Mehrheitseigner DuMont hat in dem seit der ersten Fast-Pleite vor acht Jahren siechen Blatt dem Vernehmen nach 135 Millionen Euro versenkt. Grob gerechnet bleibt da für die Minderheitsgesellschafter DDVG und die Karl-Gerold-Stiftung noch einmal dieselbe Summe. Wofür?

Wenn die Auflage einer Zeitung von einst 190.000 (vor zehn Jahren) auf jetzt weniger als 120.000 gesunken ist, dann ist gewaltig was verkehrt gelaufen. Die einstige Stammleserschaft, die Birkenstocksandalen- und grob-gestrickte-Wollsocken-Träger (ich übertreibe maßlos, ich weiß, aber ich berufe mich auf eigene Erfahrungen), hat längst die Spitzen der DAX-Konzerne erobert und liest FAZ oder auch Süddeutsche und beweist Solidarität mit einem Genossenschaftsanteil bei der taz.

Das Tabloid-Format, abgeschaut bei den Kollegen in Skandinavien und Großbritannien, brachte auch keinen Durchbruch. Es ist nämlich von Grund auf nicht leserfreundlich: Am Frühstückstisch kann von der Familie immer nur einer lesen. Und sich als Lokalzeitung für Frankfurt zu positionieren, scheiterte nicht nur an der Konkurrenz mit FAZ und Frankfurter Neue Presse, sondern auch am Selbstverständnis der FR-Redakteure, die sich eben bis zum Schluss als national relevant betrachtet hatten und vor nicht allzu langer Zeit noch die Misere der Baumwollproduktion in Moldawien für wichtiger erachteten als die Parkplatzprobleme in der Frankfurter Innenstadt (Achtung, das war Satire!).

Vor ein paar Jahren wurde ich mal gefragt, ob ich Interesse hätte an einem Engagement als FR-Lokalchef Frankfurt. Ich fühlte mich als oberbayerischer Provinzler extrem geschmeichelt, aber 1. hatte ich den unschönen Abgang einer Vorvorgängerin quasi hautnah erlebt und 2. musste ich eine Familie ernähren. Da taugen Himmelfahrtkommandos nichts. Denn schon damals war absehbar, dass es just mit dieser Zeitung nichts mehr werden wird. Matthias Karmasin, Medienökonom aus Klagenfurt, hat denn auch Recht, wenn er in einem Interview mit dem Schweizer Tagesanzeiger sagt:  “Der Untergang der Frankfurter Rundschau bedeutet nicht den Untergang der ganzen Zeitungsbranche.”

Und doch ist der Zeitpunkt des Insolvenzantrags kein Zufall: Im vorigen Jahr, während die Konjunktur in Deutschland brummte, stagnierten die Umsätze der deutschen Zeitungen, und in diesem Jahr, in dem sich überall Rezessionsangst und Investitionszurückhaltung verbreitet hat, gibt es einen gewaltigen, vielerorts zweistelligen Einbruch im Anzeigengeschäft. Gepaart mit den erodierenden Abonennten-Zahlen sind Zweifel an der Zukunft der Zeitung erlaubt, nein: sogar notwendig.

Wolfgang Blau, der Noch-Chef von Zeit-Online, stellt in einem viel diskutierten, lesenswerten Facebook-Post (!) das “journalistische Konstrukt einer Tageszeitung” generell in Frage. Interessanter Gedanke: Zwischen (hintergründiger) Wochenzeitung und (schnellem) Internet sei wenig Platz, vor allem aber habe sich das Modell eines Informationsmediums für alle, für Hilfsarbeiter und Professoren, Stadtbewohner und Landleute, überholt. Spezialisierung sei geboten.

Sicher, das könnte ein Weg sein. Aber wenn der funktionieren würde, dann hätten nicht all die Zeitschriften und Magazine (mal abgesehen von der immer wieder zitierten “Landlust”) dasselbe Problem wie wir Zeitungsleute. Ich glaube, dass die (Lokal)Zeitung dann überleben wird, wenn sie sich nicht nur allen analogen und digitalen Ausgabekanälen öffnet, sondern es vor allem schafft, marktgerechte Angebote zu schaffen, soll heißen, tatsächlich die Themen aufzugreifen, die die Leser wirklich interessieren/berühren, und das sind die Themen aus deren unmittelbarem Lebensumfeld. Dabei stellt sich vor allem die Frage, ob die Redaktionen es schaffen, die Arroganz und vielfach auch Lethargie vergangener goldener Tage zu überwinden und nachzufragen, was die Leser eigentlich wollen. Und das ist nicht das, wofür einem Politiker, örtliche Wirtschaftsbosse und die Freunde im Tennisclub auf die Schulter klopfen. Eher das Gegenteil.

Zurecht fordert SZ-Redakteur Dirk von Gehlen “mehr Selbstvertrauen” in seinem Blog-Post mit dem schönen Titel “Mein Lob der Tageszeitung”. Er hat sich längst von Print gelöst und von – auch in den Redaktionen lieb gewonnen Gewohnheiten – wie dem morgendlichen Erscheinen der Zeitung. Wenn Leute wie FAZ-D’Inka behaupten, mit dem Internet kehre das “Geschwätz” ein und der Leserschwund sei womöglich zum Stillstand gekommen oder der Verlegerverband BDZV in seinem jüngsten Newsletter unter Hinweis auf eine Handelsblatt-Umfrage darauf abheben, dass zwei Drittel der Menschen “nicht auf Gedrucktes verzichten” wollen, um dann zu dem Schluss zu kommen “Print lebt”, dann machen sie sich was vor, vor allem aber leugnen sie noch immer, dass der Ausgabekanal Internet nicht bedeutet, dass dort kein guter Journalismus möglich ist.

Was ist das eigentlich für dummes Geschwätz? Was soll eigentlich diese Ablehnung neuer Kanäle? Ist unsere Welt nicht längst durch und durch digitalisiert? Müssen wir uns als Anbieter nicht dort attraktiv und wertvoll präsentieren, wo unsere Kunden (jedenfalls der nachwachsende Teil) längst sind? Und dürfen wir dafür dann nicht auch Geld verlangen von den Usern/Lesern? Auch wenn Netz-Vordenker und Zeitungs-Totredner wie Christian Jakubetz (Ich weiß, eigentlich meinst Du es ja gut mit uns, Christian) die Paywall ablehnen (“Bezahlschranke runter und alles wird gut, das ist das aktuelle Mantra”). Ich finde sie richtig, denn immer noch gilt: Was nichts kostet, ist nichts wert. Entscheidend ist, dass das was wir an Inhalten anbieten, auch – verlässlich – so relevant ist, dass es sich lohnt, dafür Geld auszugeben. Sonst werden die potenziellen Kunden schnell wieder weg sein. Ein Klick reicht.

Willi Winkler schreibt in der SZ, dass der Journalismus “mehr sein sollte, als ein Gewerbe”. Das gefällt mir, aber es beantwortet nicht die Frage, wer den Journalismus finanziert. Die Großkonzerne Springer und Burda, die bei den digitalen Erlösen richtig gut dabei sind, haben dafür Milliarden investiert – aber vorwiegend in journalismusfremde Geschäftsfelder. Das geht bis zum Hundefutterportal. Das kann auch nicht der Weg sein, um guten Journalismus zu finanzieren.

Unsere Zeitung wird nächstes Jahr eine Bezahlschranke einführen – für die Artikel, die es wert sind, dass wir Geld verlangen. Ich hoffe, dass es genug sein werden, um ein paar “lousy Pennies”, wie Hubert Burda mal sagte, in die Kasse zu spülen. Voraussetzung ist natürlich, dass bei den aufgrund der Anzeigenkrise hier wie überall anstehenden Sparmaßnahmen nicht substanziell an der Redaktion gekürzt wird. Wir allein sind schließlich diejenigen, die das Produkt Tageszeitung weiterentwickeln, die dafür sorgen können, dass Journalismus so attraktiv und lesernah ist, dass unsere Kunden darauf nicht verzichten wollen. Wenn ich lese, dass in anderen Verlagen schon wieder die (Lokal-)Redaktionen ausgedünnt werden, dann ist klar, dass viele Manager den Schuss noch nicht gehört haben.

Kein Zweifel, auch bei uns Regionalzeitungen ist noch Luft: Es muss nicht jede Zeitung ihre eigene “Vermischtes”-Seite – bei uns heißt sie “Aus aller Welt” – produzieren, und auch bei überregionalen Themen wie Bundespolitik und Wirtschaft sind Kooperationen sinnvoll und möglich. Der hehre Ruf, dies gehe zu Lasten der publizistischen Vielfalt ist bei Regionalzeitungen ungefähr so angebracht wie die Forderung eines Verdurstenden, man möge ihm eine Flasche Volvic-Wasser bringen. Entscheidend ist für uns das Kerngeschäft zu entwickeln, und das ist die lokale Berichterstattung. Dafür brauchen wir nicht weniger, dafür brauchen wir mehr (gute) Journalisten.

Vorige Woche war ich Podiumsgast bei einer Tagung des Netzwerks Recherche in München. Sie richtete sich an Lokalredakteure und wurde – überwiegend – gestaltet von Kollegen der – wie sie sich selbst nennen – Qualitätsmedien. Sie unterstellten uns pauschal Nähe zu den Mächtigen und behaupteten, wir würden heute wie früher keinen unabhängigen Journalismus betreiben, sondern stets den bequemen Weg der Angepasstheit gehen.

Leute, ihr unterschätzt unsere Leser, so etwas können wir uns überhaupt nicht leisten!

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Nachtrag um 13:51:
“Erstaunlicherweise machten Redaktionskosten 2011 “nur” rund ein Viertel der Gesamtkosten aus. Der Vergleich mit 2010 zeigt zudem, dass die Redaktionskosten innerhalb nur eines Jahres der Kostenfaktor waren, der am deutlichsten reduziert wurde (2010 machten die Redaktionskosten noch 25,9 Prozent der Gesamtkosten aus).

These: Verlage sparen am falsche Ende, nämlich an den Redaktionen. Wie wir gesehen haben, werden lokale Themen inhaltlich immer wichtiger, gleichzeitig sinkt die Bedeutung der Werbung im Erlösmix und es steigt die Bedeutung der Vertriebserlöse. Verlage sollten also gerade nicht bei Redaktionen sparen, denn diese sind ja gerade für die Erstellung von lokalen Inhalten nicht ersetzbar und liefern den Hauptgrund dafür, warum Zeitungen überhaupt noch gelesen werden.”

Quelle: www.meedia.de “Zeitungsland Deutschland: Eine Diagnose”