Um sich als Journalist Freunde zu machen, empfiehlt es sich zurzeit, einen Kommentar darüber zu schreiben, welch unmenschliches Schicksal Gustl Mollath erleiden muss, dass er ein Opfer ist der selbstherrlichen bayerischen Justiz im Allgemeinen und eines Nürnberger Richters im Besonderen, ein Opfer des selbstherrlichen und unmenschlichen Psychiatriesystems und – ja, das sowieso – einer in Selbstherrlichkeit erstarrten CSU, deren Justizministerin nicht nur selbstherrlich, sondern auch  „eisig“ ist (SZ vom 15. Juni 2013). Landauf, landab lassen sich zurzeit solche viel gelobten Kommentare lesen – von Hamburg bis München, von Berlin bis Düsseldorf. Nicht, dass die Forderung, Herrn Mollath wieder in die Freiheit zu entlassen, dem Grunde nach falsch wäre. Die Journalisten aber spielen in dieser völlig überhitzten Geschichte keine ruhmreiche Rolle.

Kürzlich stand auf der Medienseite der Süddeutschen Zeitung ein interessanter Artikel („Da war die Sache gelaufen“, 14. Juni 2013 – leider nicht online) über „Verdachtsberichterstattung“, und zwar im Zusammenhang mit dem früheren Bundespräsidenten Christian Wulff. Ungeachtet der seinerzeitigen Medienberichte steht, wie man weiß, noch nicht einmal fest, ob es überhaupt eine Verurteilung geben wird. „Von Dutzenden Spuren ist eine geblieben“, heißt es in dem Text. Was ja für sich schon peinlich ist. Aber noch schlimmer ist: Entlastende Nachrichten, wie eine Einstweilige Verfügung gegen die Bild-Zeitung vom Landgericht Köln am 14. Februar 2012, hat seinerzeit sogar die eigentlich unparteiische Nachrichtenagentur dpa verschwiegen. Schlussfolgerung von Autorin Mona Botros: „Verdachtsberichterstattung ist ein Pfeiler der Pressefreiheit. Aber sie darf nicht missbraucht werden.“

Die Berichterstattung der Medien in der Causa Mollath ist ebenfalls Verdachtsberichterstattung. Und noch dazu eine sehr ungenaue und manipulative. Dabei wird vielfach Interpretation als Recherche verkauft. Denn SZ, Nürnberger Nachrichten, einige ARD-Sender und all die anderen haben sich bisher kaum die Mühe gemacht, auch mal die Gegenseite zu hören. Und damit werfe ich den Kollegen nicht vor, dass Mollaths Ex-Frau nicht mit ihnen sprechen wollte. Es gibt genügend andere Quellen, die man hören kann. Aber warum die Mühe? Man will ja nicht das Bild zerstören einer politischen Intrige, in der Staatsmacht und Wirtschaft (HypoVereinsbank) und die Psychiatrie ohne Skrupel einen missliebigen Menschen aus dem Verkehr ziehen. Ken Keseys “Einer flog übers Kuckucksnest” lässt grüßen.

Bevor mich die Mollath-Fans jetzt beschimpfen und bedrohen, so wie es Psychologen, Richter und andere Verfahrensbeteiligte berichten: Ich sage damit nichts über die rechtliche Dimension dieses Falls. Ich bin kein Jurist, und ich habe keine Ahnung, ob der Prozess 2006 in Nürnberg, der Mollath als schuldunfähig in die geschlossene Anstalt brachte, rechtliche Fehler enthielt und ohne die gebotene Sorgfalt verhandelt wurde. Ich habe aber – im Unterschied zu den meisten Mollath-Unterstützern – Vertrauen in unser Rechtssystem und gehe davon aus, dass die Prüfungen für ein Wiederaufnahmeverfahren korrekt ablaufen und zum richtigen Ergebnis führen werden.

Worum geht es denn eigentlich? Mollath wurde 2006 wegen des Vorwurfs der Gemeingefährlichkeit in die forensische Psychiatrie eingewiesen. Der ehemalige Motorradreifen-Händler soll seine Ex-Frau geschlagen und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt haben, und er soll – laut Gericht – 129 Autoreifen so aufgeschlitzt haben, dass die Luft langsam während der Fahrt entwich. Außerdem beschrieb ihn das Gericht als „wahnhaft“, weil er Verschwörungstheorien über angebliche Schwarzgeldgeschäfte seiner Ex-Frau verbreitete.

Dass Petra M. – wie man inzwischen weiß – tatsächlich gegen bankinterne Anweisungen verstoßen hat (dass es um Schwarzgeld, also unversteuertes Geld ging, ist bisher im Detail nicht nachgewiesen), bedeutet nicht, dass Mollath nicht „gemeingefährlich“ war oder noch ist. Zumal der Umfang und die Tragweite dieser Geschäfte offenbar nicht besonders groß waren. Denn die Kündigung von Mollaths Ex-Frau durch die HypoVereinsbank fiel beim  Arbeitsgericht durch. Dass das Attest, das Mollaths Ex-Frau dem Nürnberger Gericht vorlegte, vom Sohn der Praxisinhaberin (damals noch Assistenzarzt), unterzeichnet wurde und damit ein „unechtes Dokument“ ist, mag – rechtlich betrachtet – einen Grund ergeben, dass die Wiederaufnahme erfolgreich sein wird. Über Mollaths tatsächliche Vergehen sagt dies nichts aus.

Dass Gustl Mollath sich in Interviews als absolut friedfertigen Menschen darstellt, dass er behauptet Millionär gewesen zu sein und lauter Dinge erzählt, die nachweislich mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben, ihn aber in bestem Licht erscheinen lassen, ist sein gutes Recht. Dass Journalisten, allen voran die Nürnberger Redaktion der Süddeutschen Zeitung, dies aber ohne Gegenrecherche wiedergibt, ist ein Missbrauch der journalistischen Macht.

Die Zielrichtung der SZ ist dabei ganz klar: Innenpolitik-Chef Heribert Prantl nutzt Mollath als Waffe gegen den von ihm als schändlich angesehenen Paragraphen 63 der Strafprozessordnung, den er gar den „Mollath-Paragraphen“ nennt. Mag sein,  dass er  Recht hat. Ich kann das nicht beurteilen. Aber ob dafür eine Lügengeschichte wie die Mollath’sche herhalten sollte, ist zweifelhaft. Prantls dafür mit einem Wächterpreis ausgezeichnete Kollegen Olaf Przybilla und Uwe Ritzer missbrauchen Mollath in einem Feldzug gegen die CSU, die Justiz und die Psychiatrie.

Das jüngst erschienene Buch der beiden Reporter („Die Affäre Mollath – Der Mann, der zu viel wusste“) ist zwar schmissig geschrieben, stellt aber von der ersten bis zur letzten Seite Schlussfolgerungen und Behauptungen als Tatsachen dar. Und die Gegenseite kommt, wenn überhaupt, nur in wenigen Zeilen zu Wort oder mit dem Hinweis, dass keine Auskunft zu bekommen sei. Diese fehlende Informationen werden zugunsten Mollaths ausgelegt, ebenso wie die Tatsache, dass sich Mollath in den sieben Jahren jeder Untersuchung des Bezirkskrankenhauses Bayreuth verweigert hat. Opfer-Logik!

Seriös geht anders.

Zwei Beispiele: Es gibt – nach Recherchen unserer Zeitung – keinen einzigen Beleg, dass Mollath schon zu Ehezeiten seine Frau Petra aufgefordert hat, die angeblichen Schwarzgeldgeschäfte zu stoppen (wie er heute behauptet). Die ersten Briefe dazu stammen  von August 2002, sie wurden also geschrieben nach dem Auszug seiner Frau Ende Mai 2002. Sie waren also mitnichten ein Trennungsgrund. Gerne wird in diesem Zusammenhang vom Rosenkrieg geschrieben, also interpretiert, dass beide den nachehelichen Streit suchten. Es gibt aber genügend Quellen, die über Frau Mollath sagen, dass sie eigentlich nur Abstand von ihm wollte. In den Mainstream-Medien wird dies anders dargestellt.

Oder die Anzeige gegen Mollath im Januar 2003. Dass sie auf einer Gewalttat beruhte, die im Jahr 2001 stattfand und von Mollath mit Hinweis darauf, er habe sich gewehrt, zugegeben wurde, hat Gründe, die nichts mit dem der Ex-Frau Mollath unterstellten “Ich mache ihn fertig” zu tun haben. Tatsächlich wollte Mollath seinerzeit Anzeige gegen seinen Ex-Schwager erstatten, der ihn geschlagen hatte, als er (nachdem er mehrere Male vor der neuen Wohnung seiner Ex-Frau randaliert hatte) die Post aus ihrem Briefkasten stehlen wollte. Mollath ging daraufhin zur Polizei, die wiederum bei dessen Ex-Frau nachfragte, ob es schon einmal Gewalt gegeben habe. Als diese mit “Ja” antwortete und das Attest vorlegte, begannen die Ermittlungen. So ist nicht zu belegen, wie gerne geschrieben wird, dass Petra Mollath ihren Ex-Mann mit allen Mitteln aus dem Verkehr ziehen wollte.

All diese nachweisbaren Fakten werden in der Mainstream-Berichterstattung nicht oder nur beiläufig erwähnt. Und warum? Weil die Journalisten zwar auf ihnen genehme, angebliche Augenzeugenberichte zurückgreifen, nicht aber mit den unmittelbaren Beteiligten gesprochen haben – so wie es der journalistischen Ethik entspräche.

Der Nordbayerische Kurier, respektive unser Chefreporter Otto Lapp, hat sich extrem viel Zeit genommen und ist seit Monaten in der Geschichte unterwegs, um alle Aspekte zu erfassen. Unser Standpunkt ist nicht für oder gegen Mollath. Wir versuchen, soweit dies mehr als ein Jahrzehnt später möglich ist, allen Seiten gerecht zu werden. Dafür hat Lapp viele Stunden mit Gustl Mollath im BKH Bayreuth gesprochen und viele Stunden mit dessen Ex-Frau in Nürnberg und noch dazu mit Ärzten, Gutachtern, Rechtsanwälten, früheren Freunden und Bekannten der Mollaths (die aus gutem Grund meist anonym bleiben wollen) und und und. Dass alle Fakten, die wir publiziert haben, sich auch durch Jahresabschlüsse und andere Akten belegen lassen, die uns vorliegen, sei nur am Rande erwähnt.

Diese Art der Berichterstattung entspricht nicht der Volksmeinung, das können wir im Internet nachlesen. In den einschlägigen Unterstützer-Foren werden wir aufs Übelste beschimpft, weil nicht respektiert wird, dass Mollaths Wahrheit nur eine von vielen ist. Auch die SZ hat die den Aussagen Mollaths ebenbürtigen Aussagen von dessen Ex-Frau lediglich einmal in drei Sätzen zusammengefasst, um den sich daraus ergebenden Schluss „Gustl Mollath ein Lügner“ mit der These zu widerlegen: „Die Staatsanwaltschaft Regensburg hält die Ex-Frau für unglaubwürdig.“ Aber, verehrte SZ: Wer sagt das? Stimmt das überhaupt?

Es geht hier nicht darum, zu behaupten, der Nordbayerische Kurier mache es besser als die Süddeutsche Zeitung. Wir können und wollen uns mit meiner Lieblingszeitung seit 25 Jahren gar nicht vergleichen. Wir sind schließlich ein kleines Regionalblatt mit begrenzten Ressourcen, das in dieser Sache gefragt ist, weil es seinen Sitz in der Stadt hat, in der Mollath einsitzt.

Aber mich als engagierten Journalisten empört diese Tendenz-Berichterstattung, zumal sie wie der oben zitierte Wulff-Skandal die Glaubwürdigkeit von Zeitungen insgesamt in Frage stellt. Dass Heribert Prantl vorige Woche bei einem in Österreich gehaltenen Vortrag über „Die Zukunft des Qualitätsjournalismus“ ausgerechnet die eigene Berichterstattung im Fall Mollath als Beispiel genannt hat, ist bestenfalls als Kuriosum anzusehen.

Auch ich hoffe, dass Gustl Mollath freikommt – wenn sich herausstellt, dass er gesund ist und keine Gefahr darstellt. Die Entscheidung darüber aber müssen die Gerichte fällen, aufgrund unserer Rechtsordnung und nicht aufgrund des Drucks durch die Öffentlichkeit. Oder wie ich es in einem Kommentar formuliert habe: „Über ein Wiederaufnahmeverfahren entscheiden zum Glück weder Journalisten noch emotional aufgeheizte Bürger.“

P.S.: Heute erreichte die SZ-Berichterstattung zu Mollath ihren bisherigen Tiefpunkt. In einem Aufmacher auf der Bayernseite (“Ein T-Shirt-Streit und seine Folgen”) beschreiben Przybilla und Ritzer einen Streit zwischen Mollath und einem Mitarbeiter des Bezirkskrankenhauses. Der trug ein T-Shirt, auf dem in kyrillischen Buchstaben der Schriftzug “Omon” stand, der Name einer Spezialeinheit der russischen Polizei, worauf ihn Mollath in der Folge als Anhänger einer “faschistischen Terrortruppe” beschimpfte. Der Vorfall ereignete sich 2009. Der Pflegemitarbeiter, der nicht wusste, was auf dem T-Shirt steht, trug dieses T-Shirt kein zweites Mal.

Wie die SZ dazu recherchiert hat, ist Omon “zweifelhaft”. Und der Grünen-Politiker Volker Beck, der 2010 – also ein Jahr nach dem Vorfall in Bayreuth – auf einer Schwulen-Demo in Moskau unliebsamen Kontakt mit Omon hatte, wird zitiert mit dem wahnsinnig ergiebigen Satz: “An Herrn Mollaths Stelle wäre ich auch verängstigt, wenn ein Betreuer mit so einem Schriftzug seinen Dienst versieht.”

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Wer mehr wissen will:

Otto Lapps Gespräche mit der Ex-Frau:

http://www.nordbayerischer-kurier.de/nachrichten/mollaths_ex_frau_bricht_schweigen_159425

http://www.nordbayerischer-kurier.de/nachrichten/warum_mollaths_ex_frau_allen_seinen_behauptungen_widerspricht_159477

und zwei Artikel von Spiegel-Online, in denen auch die Ungereimtheiten der Mainstream-Medien offenkundig werden:

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/fall-gustl-mollath-zweifel-an-opferrolle-a-872632.html

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/gustl-mollath-bleibt-weiteres-jahr-in-psychiatrie-a-905355.html